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Ritzen und Selbstverletzung: Wo du Hilfe findest und wie du darüber redest

Wenn du dich ritzt oder auf andere Weise selbst verletzt, findest du Hilfe bei der Nummer gegen Kummer (116 111), bei der Telefonseelsorge (0800 111 0 111, rund um die Uhr) und in der Kinder- und Jugendarztpraxis. Selbstverletzung ist oft ein Weg, mit sehr starken Gefühlen klarzukommen, und mit Unterstützung lässt sie sich überwinden. In akuter Gefahr wählst du den Notruf 112.

Vielleicht verletzt du dich selbst, zum Beispiel durch Ritzen, und weißt nicht, mit wem du darüber reden kannst. Vielleicht machst du dir Sorgen um eine Freundin oder einen Freund. Beides ist ein guter Grund, hier zu lesen. Du bist mit diesem Thema nicht allein, und es gibt Hilfe, die zu dir passt. Auf dieser Seite erfährst du, warum sich Jugendliche selbst verletzen, was in schweren Momenten helfen kann, wie du dich jemandem anvertraust und wo du Unterstützung bekommst.

Was Selbstverletzung ist

Mit Selbstverletzung ist gemeint, dass jemand sich absichtlich Verletzungen zufügt. Viele sagen dazu Ritzen. Fachleute sprechen von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten, kurz NSSV oder SVV. Das Portal "Neurologen und Psychiater im Netz", an dem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) mitwirkt, beschreibt es als Verhalten, das nicht mit dem Ziel geschieht, sich das Leben zu nehmen. Selbstverletzung ist keine eigene Diagnose. Sie kann zusammen mit einer psychischen Erkrankung auftreten, aber auch ohne [1].

Trotzdem solltest du Selbstverletzung ernst nehmen. Der britische Gesundheitsdienst NHS schreibt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Selbstverletzung und Suizidgedanken gibt. Wer sich schon einmal selbst verletzt hat, hat häufiger Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Gleichzeitig will nicht jeder, der sich verletzt, sterben. Hinter Selbstverletzung steckt oft großer innerer Druck und kein Wunsch zu sterben [2]. Hast du Gedanken, dir das Leben zu nehmen, ruf bitte sofort die Telefonseelsorge an oder in akuter Gefahr die 112.

Warum sich Jugendliche selbst verletzen

Hinter Selbstverletzung stehen fast immer starke Gefühle. Laut "Neurologen und Psychiater im Netz" ist sie bei Jugendlichen oft eine Reaktion auf großen Stress und heftige Gefühle, mit denen sie anders nicht fertig werden. Viele haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu steuern. Als wichtigstes Motiv nennt das Portal, innere Anspannung abzubauen. Manche wollen sich auch selbst bestrafen. Betroffene berichten von Gefühlen wie Einsamkeit, Angst oder Wut, die sehr schwer auszuhalten sind [3].

Der NHS nennt ähnliche Gründe: mit seelischem Schmerz umgehen, sich mehr unter Kontrolle fühlen, sich bestrafen oder unerträglichen Druck loswerden. Manchmal ist Selbstverletzung auch eine Art, um Hilfe zu bitten. Oft sammelt sich der Druck aus vielen kleineren Belastungen an, etwa aus Mobbing, Druck in der Schule, Streit in der Familie, geringem Selbstwert, Stress, Angst oder Depression, Unsicherheit über die eigene Sexualität, Trauer oder Gewalterfahrungen [2]. Die Gründe können sich mit der Zeit ändern und sind bei jedem Menschen anders [2].

Der NHS rät Freunden und Familie ausdrücklich davon ab, Selbstverletzung als "Aufmerksamkeit suchen" abzustempeln, und beschreibt jede Selbstverletzung als Zeichen großer seelischer Not [4]. Wie gut du gerade mit starken Gefühlen umgehen kannst, kannst du mit dem Emotionsregulation-Test einschätzen.

Wie viele Jugendliche betroffen sind

Selbstverletzung ist bei Jugendlichen in Deutschland häufiger, als viele denken. Laut "Neurologen und Psychiater im Netz" hat sich etwa jeder vierte Jugendliche in Deutschland schon einmal selbst verletzt, 14 Prozent im letzten Jahr. Etwa 4 Prozent tun es wiederholt [1]. Eine klinische Leitlinie deutscher Fachgesellschaften aus dem Jahr 2017 nennt für Jugendliche in Deutschland einen Anteil von 25 bis 35 Prozent, die sich mindestens einmal im Leben selbst verletzt haben, und zählt Deutschland damit zu den Ländern mit den höchsten Raten in Europa [5].

Du bist damit nicht allein. Psychische Belastungen erhöhen das Risiko. Das Portal nennt Depression, Essstörungen, Zwangsstörungen und Angststörungen, aber auch einen geringen Selbstwert und Schwierigkeiten, Gefühle auszudrücken [1]. Wenn deine Stimmung schon länger gedrückt ist, kann dir der Stimmungs-Check für Teens beim Einordnen helfen.

Was in schweren Momenten helfen kann

Der Drang kann nachlassen. Der NHS rät, den Drang abzuwarten und dich in der Zeit mit etwas Harmlosem abzulenken, etwa mit einem Spaziergang oder Musik. Er empfiehlt außerdem, auf die Gefühle zu achten, die dem Drang vorausgehen, und für diese Gefühle andere, sicherere Ausdrucksformen zu suchen [6]. Jugendliche, die mit der Selbstverletzung aufgehört haben, nennen laut "Neurologen und Psychiater im Netz" Dinge, die ihnen geholfen haben [7]. Die Tabelle fasst beide Quellen zusammen.

Junge Frau um die achtzehn joggt morgens mit Kopfhörern einen von Bäumen gesäumten Weg entlang
Bild: KI-generiert
Was du ausprobieren kannstSo kann es aussehenBeleg
RedenEiner Freundin, einem Familienmitglied, einer Fachperson oder bei einem Sorgentelefon wie der Nummer gegen Kummer erzählen, wie es dir geht[6, 7]
Zeit gewinnen und ablenkenDen Drang abwarten und dich mit etwas Harmlosem beschäftigen, etwa einem Spaziergang oder Musik[6]
BewegungKörperlich aktiv werden, zum Beispiel joggen[7]
Gefühle rauslassenMalen, mit Ton arbeiten, laut schreien oder laut singen[7]
Nicht allein bleibenEine Freundin besuchen oder unter Leute gehen, statt allein im Zimmer zu bleiben[7]
Zur Ruhe kommenBeruhigende Atemübungen, Entspannungsübungen, warm oder kalt duschen oder baden[6, 7]
AufschreibenGefühle für dich allein aufschreiben oder ein Tagebuch führen[6, 7]

Nicht alles passt für jeden. Probier aus, was dir guttut, und schreib dir die Dinge auf, die geholfen haben. Dann hast du sie im nächsten schweren Moment schneller zur Hand. Entspannungsverfahren stellt der Ratgeber Entspannungstechniken im Vergleich vor. Wenn du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, empfiehlt der NHS einen Sicherheitsplan [6]. Das ist eine Liste, die du am besten zusammen mit einer Fachperson aufschreibst.

Ablenkung hilft, durch einen schweren Moment zu kommen. Sie löst aber nicht, was den Druck auslöst. Der NHS betont, dass Unterstützung und Behandlung für die Ursachen sehr wichtig sind [6].

Mit jemandem darüber reden

Viele Jugendliche, die sich verletzen, schämen sich dafür [13], und oft bleibt Selbstverletzung verborgen [4]. Den ersten Schritt zu machen, ist schwer. Der NHS gibt dafür einige Hinweise [9]. Such dir eine Person aus, der du vertraust, etwa eine enge Freundin, ein Familienmitglied oder eine Fachperson aus dem Gesundheitswesen. Wähl einen ruhigen Zeitpunkt und Ort. Es kann helfen, vorher aufzuschreiben, was du sagen willst, oder es zuerst in einer Nachricht zu schreiben. Sag der Person am Anfang, dass es um etwas Schweres geht und dass du Hilfe möchtest. Die andere Person darf Fragen stellen, aber du musst nicht alle sofort beantworten. Wenn es zu viel wird, könnt ihr das Gespräch ein anderes Mal fortsetzen [9].

Zwei junge Frauen um die neunzehn sitzen mit zwei Tassen Tee am Küchentisch und reden leise miteinander
Bild: KI-generiert

Wenn du nicht mit deinen Eltern reden willst oder kannst, gibt es andere Wege. Nach § 8 Absatz 3 des Achten Sozialgesetzbuchs haben Kinder und Jugendliche Anspruch auf Beratung ohne Wissen ihrer Eltern, solange eine Mitteilung an die Eltern den Zweck der Beratung vereiteln würde [10]. Das gilt für die Beratung in der Kinder- und Jugendhilfe. Wie das genau geht, steht im Ratgeber Hilfe holen ohne die Eltern. Anonym und kostenlos reden kannst du mit der Nummer gegen Kummer unter 116 111. Dort gibt es auch einen Chat und eine Beratung per Mail [11].

Wenn du dich verletzt hast

Wenn du dich verletzt hast und nicht sicher bist, ob du ärztlich versorgt werden musst, lass das abklären. Der NHS weist darauf hin, dass eine Fachperson prüfen muss, ob eine Behandlung nötig ist [9]. Hausärztinnen und Hausärzte können kleinere Verletzungen versorgen und dir weitere Unterstützung vermitteln [12]. Außerhalb der Sprechzeiten erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei einer schweren Verletzung oder in akuter Gefahr wählst du den Notruf 112 [11].

Wie viel du erzählst oder zeigst, entscheidest du selbst. Der NHS empfiehlt, vor einem Gespräch zu überlegen, was du davon möchtest [9].

Welche Behandlung hilft

Selbstverletzung lässt sich überwinden. Laut "Neurologen und Psychiater im Netz" sollen Jugendliche, die damit aufhören wollen, mit einer erfahrenen Therapeutin oder einem erfahrenen Therapeuten herausfinden, welcher Weg für sie passt [7]. Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater bieten je nach zugrunde liegender Erkrankung verschiedene Therapien an. Genannt wird die kognitive Verhaltenstherapie. Sie soll helfen, auslösende Situationen zu erkennen und neue Wege zu finden, mit Stress umzugehen. Auch Yoga und Achtsamkeitsübungen können unterstützen. Wichtig für den Erfolg ist, dass du selbst etwas ändern willst. Eine Therapie gegen deinen Willen gilt laut dem Portal als wenig zielführend [8].

Junger Mann um die neunzehn spricht in einem hellen Raum mit Pflanzen mit einer Psychotherapeutin
Bild: KI-generiert

Die klinische Leitlinie von 2017 haben Fachleute aus elf medizinischen, psychologischen und psychotherapeutischen Fachgesellschaften zusammen mit Vertretungen von Betroffenen- und Präventionsgruppen erarbeitet. Sie hält fest, dass es noch wenige Studien zum langfristigen Verlauf und zur Wirkung von Psychotherapie bei Jugendlichen gibt, und hat deshalb im Konsens Eckpunkte für die Behandlung festgelegt [5].

Der erste Schritt kann die Kinder- und Jugendarztpraxis oder die Hausarztpraxis sein. Wenn es dir akut sehr schlecht geht, können Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten eine Akutbehandlung anbieten, und der Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hilft, schnell einen Termin zu finden. In einer Krise kannst du dich auch an eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine Notaufnahme wenden [11].

Wenn sich eine Freundin oder ein Freund verletzt

Vielleicht hast du bemerkt, dass sich jemand aus deinem Umfeld verletzt. Hinweise können laut "Neurologen und Psychiater im Netz" Schlafprobleme, Rückzug von Freunden und Hobbys, Stimmungsschwankungen und Sätze sein, in denen sich jemand wertlos oder hoffnungslos fühlt [13]. Solche Sätze solltest du ernst nehmen.

Der NHS rät, der Person zu zeigen, dass du für sie da bist, sie zu fragen, welche Unterstützung ihr helfen würde, und sie zu ermutigen, mit einer Ärztin, einem Arzt oder einem Sorgentelefon zu sprechen. Versuch, ihre Gefühle zu verstehen, ohne zu urteilen, statt nur über die Verletzungen zu reden. Setz sie nicht unter Druck, sofort aufzuhören [4]. Rechne damit, dass sie zuerst abwehrend reagiert, weil viele sich schämen [13]. Du musst das nicht allein tragen: Sprich mit einer erwachsenen Vertrauensperson, und achte auch auf dich selbst [4]. Wenn du glaubst, dass die Person in Lebensgefahr ist, ruf den Notruf 112.

Wann du sofort Hilfe brauchst

Hol dir sofort Hilfe, wenn du Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, wenn du dich schwer verletzt hast oder wenn du merkst, dass du die Selbstverletzung nicht mehr steuern kannst. Du störst niemanden, wenn du anrufst. Die Telefonseelsorge ist genau für solche Momente da, Tag und Nacht.

Weitere Anlaufstellen, auch zum Schreiben, findest du auf unserer Seite Hilfe finden. Wenn du dich oft ohne erkennbaren Grund niedergeschlagen fühlst, hilft dir vielleicht auch der Ratgeber Traurig ohne Grund.

  1. Organisation Selbstverletzendes Verhalten (SVV). Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  2. Behörde Why people self-harm. National Health Service (NHS), England. Stand 08.08.2023. abgerufen am 28.10.2026
  3. Organisation Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Mögliche Ursachen. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  4. Behörde How to help someone else who self-harms. National Health Service (NHS), England. Stand 08.08.2023. abgerufen am 28.10.2026
  5. Leitlinie Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Jugendalter: klinische Leitlinie zur Diagnostik und Therapie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 45(6), S. 463 bis 474. Plener PL, Fegert JM, Kaess M u. a.. Stand 2017. abgerufen am 28.10.2026
  6. Behörde Ways to help avoid self-harm. National Health Service (NHS), England. Stand 08.08.2023. abgerufen am 28.10.2026
  7. Organisation Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Was können Jugendliche tun?. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  8. Organisation Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Therapie. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  9. Behörde How to tell someone about self-harm. National Health Service (NHS), England. Stand 08.08.2023. abgerufen am 28.10.2026
  10. Gesetz Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII), § 8 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  11. Behörde Soforthilfe (Wege im Gesundheitswesen: Jugend, psychische Gesundheit). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 23.04.2026. abgerufen am 28.10.2026
  12. Behörde Self-harm: Getting help. National Health Service (NHS), England. Stand 23.08.2023. abgerufen am 28.10.2026
  13. Organisation Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Warnzeichen. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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