Ratgeber
Gaming-Sucht: Woran du erkennst, dass Zocken zum Problem wird
Gaming-Sucht heißt in der Fachsprache Computerspielstörung und steht in der ICD-11 der WHO. Typisch sind drei Merkmale: Du kannst das Spielen schlechter steuern, es verdrängt immer mehr andere Dinge, und du spielst weiter, obwohl schon Probleme entstanden sind. Dazu müssen Schule, Familie oder Freundschaften deutlich leiden, meist über mindestens zwölf Monate.
Gaming-Sucht nennen Fachleute Computerspielstörung. Seit der elften Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) ist sie dort als eigene Diagnose aufgeführt [1, 2]. Woran du sie erkennst, hängt weniger an der Spielzeit als an der Frage, ob du dein Zocken noch steuern kannst und was dafür auf der Strecke bleibt. Diese Seite erklärt die Merkmale zur Information. Eine Diagnose kann sie dir nicht geben, das können nur Fachleute nach einem Gespräch. Eine erste Einschätzung deines Spielverhaltens bekommst du mit dem Gaming-Check.
Was Fachleute unter Gaming-Sucht verstehen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die Computerspielstörung als ein Muster beim Spielen mit drei Merkmalen. Du hast das Spielen schlechter unter Kontrolle, also wann, wie oft, wie lange und in welcher Situation du spielst. Das Spielen bekommt immer mehr Vorrang vor anderen Dingen. Und du spielst weiter oder sogar mehr, obwohl schon negative Folgen da sind [1, 2].
Dazu kommt eine Bedingung, ohne die es keine Diagnose gibt: Das Muster muss so ausgeprägt sein, dass dein Leben in der Familie, mit Freunden, in der Schule oder in der Ausbildung deutlich beeinträchtigt ist. Normalerweise ist es über mindestens zwölf Monate zu erkennen [1]. Die deutsche Leitlinie zu Internetnutzungsstörungen ergänzt, dass auch ein deutlicher Leidensdruck durch das Spielen zählt. Fachleute diskutieren noch, ob für die Diagnose alle drei Merkmale nötig sind oder ob zwei von drei reichen [2].
Von allen Formen der Internetnutzungsstörung ist die Computerspielstörung bisher die einzige, die in der ICD-11 als eigene Diagnose steht [2]. Für die übermäßige Nutzung sozialer Netzwerke oder von Streaming gibt es dort keinen eigenen Eintrag.
Viel spielen heißt nicht süchtig sein
Laut WHO ist nur ein kleiner Teil der Menschen, die Video- oder Onlinespiele spielen, von einer Computerspielstörung betroffen. Die WHO rät aber allen, die spielen, ihre Spielzeit im Blick zu behalten, besonders wenn andere Dinge im Alltag dafür wegfallen. Auch Veränderungen der körperlichen oder seelischen Gesundheit und im Umgang mit anderen sollte man ernst nehmen [1].

Eine feste Stundenzahl, ab der Zocken zu viel ist, gibt es nicht. Das Präventionsportal "Ins Netz gehen" des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) schreibt, dass die Grenze zwischen harmlosem Spaß und übermäßigem Spielen fließend verläuft. Problematisch kann es werden, wenn Videospiele wichtiger werden als Freunde, Familie, Schule, Ausbildung oder Hobbys [3]. Wer am Wochenende einen langen Abend mit Freunden zockt und unter der Woche Schule, Training und Schlaf im Griff hat, erfüllt die Merkmale der WHO nicht.
Wie häufig Probleme mit Spielen sind
| Studie | Ergebnis | Beleg |
|---|---|---|
| DAK-Längsschnittstudie, 10 bis 17 Jahre, Deutschland 2024 | 12 Prozent spielen problematisch (2019: 12,7 Prozent), 3,4 Prozent pathologisch (2019: 2,7 Prozent). An Werktagen im Schnitt 105 Minuten Spielzeit (2019: 91 Minuten). | [6] |
| HBSC-Schülerstudie 2022, 11, 13 und 15 Jahre, 44 Länder und Regionen | 34 Prozent spielen täglich, 22 Prozent an Spieltagen mindestens vier Stunden. 12 Prozent haben ein Risiko für problematisches Spielen, Jungen 16 Prozent, Mädchen 7 Prozent. | [7] |
| HBSC-Schülerstudie 2022, Deutschland | 32,9 Prozent spielen mehr als neun Stunden pro Woche, Jungen 47,8 Prozent, Mädchen 17,4 Prozent. Die Forschenden sehen darin nur eine grobe Annäherung, keine Häufigkeit einer Störung. | [8] |
| Zwei Sammelauswertungen mehrerer Studien (Metaanalysen), ausgewertet in der deutschen Leitlinie | In der Allgemeinbevölkerung 1,96 bzw. 1,40 Prozent mit Computerspielstörung. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich mehr, 8,8 bzw. 10,4 Prozent. | [2] |
Die Zahlen gehen auseinander, weil die Studien unterschiedlich messen. Einig sind sie sich in einem Punkt: Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen [2, 7]. Die große Mehrheit der Jugendlichen spielt ohne Probleme. In der HBSC-Studie galten 68 Prozent der Befragten als Spielerinnen und Spieler ohne problematisches Verhalten [7].
Warnzeichen im Alltag
"Ins Netz gehen" nennt Anzeichen, die auf zu viel Spielen hinweisen können: Verspannungen und Rückenschmerzen nach dem Zocken, Müdigkeit und schlechter Schlaf, Essen vergessen oder unregelmäßig essen, Konzentrationsprobleme bei Schule und Hausaufgaben, Gereiztheit und Streit mit den Eltern, weniger Interesse an anderen Hobbys, schlechtere Noten, abgesagte Treffen mit Freunden und Spielen bis tief in die Nacht [3].
Das Portal schlägt außerdem Fragen vor, über die du nachdenken kannst. Verlierst du dich gedanklich im Spiel? Bist du gereizt, unruhig oder traurig, wenn du nicht spielen kannst? Brauchst du immer mehr Spielzeit, um zufrieden zu sein? Hast du schon vergeblich versucht, weniger zu spielen? Schwindelst du deine Eltern oder Freunde bei der Spielzeit an? Spielst du, um vor Problemen im Alltag zu flüchten? Wer die meisten Fragen mit Ja beantwortet, verbringt vielleicht schon zu viel Zeit am Gerät. Einzelne Punkte bedeuten aber nicht automatisch ein Problem, weil auch andere Ursachen infrage kommen [3].
Viele dieser Fragen findest du in den Kriterien des US-amerikanischen Diagnosehandbuchs DSM-5 wieder. Dort zählen unter anderem gedankliches Eingenommensein, Traurigkeit oder Reizbarkeit ohne Spiel, das Bedürfnis nach immer mehr Spielzeit, erfolglose Versuche aufzuhören, Täuschen über die Spielzeit und Spielen gegen schlechte Stimmung [2].
Warum manche Spiele schwer loszulassen sind
Viele Spiele sind so gebaut, dass du lange dranbleibst. "Ins Netz gehen" nennt Belohnungen für Aufgaben und gewonnene Matches, besonders wenn ein Spiel dich zum täglichen Einloggen bringt oder für sehr lange Aufgaben besonders seltene Items vergibt. Wenn deine Figur stirbt und du gesammelte Items verlierst, willst du oft sofort weiterspielen. Dazu kommen Bezahlsysteme, mit denen du dir mit echtem Geld Vorteile kaufst, Spiele, in denen du selten speichern kannst, und Matches oder Level, die du erst am Ende verlassen kannst. In Teams und Gruppen-Challenges willst du dich außerdem ständig mit anderen messen [4].
Lootboxen sind virtuelle Kisten mit zufälligem Inhalt, die du dir oft auch mit echtem Geld kaufen kannst. In Deutschland gelten sie bisher nicht als Glücksspiel, in manchen anderen Ländern zählen sie bereits als Glücksspiel. Harmlos sind sie deshalb nicht: Weil der Inhalt vom Zufall abhängt, gibst du leicht mehr Geld aus, als die Items wert sind [5]. Die Leitlinie nennt finanzielle Probleme durch solche Bezahlstrategien als eine der Folgen der Computerspielstörung [2].
Welche Folgen es haben kann
Laut Leitlinie ist die Computerspielstörung mit einer höheren seelischen Belastung, körperlichen Beschwerden, sozialem Rückzug, schlechteren Leistungen und einer geringeren Lebensqualität verbunden. Typisch ist, dass Betroffene andere Lebensbereiche dauerhaft vernachlässigen oder ganz aufgeben [2]. Die WHO Europa berichtet, dass problematisches Spielen bei Jugendlichen mit geringerer Lebenszufriedenheit, häufigeren seelischen Beschwerden und weniger Unterstützung durch Gleichaltrige einhergeht [7]. Oft kommen weitere Erkrankungen dazu, zum Beispiel Depressionen oder ADHS [2]. Wenn du dich seit Wochen niedergeschlagen fühlst, mach zusätzlich den Stimmungs-Check.
Was du selbst ausprobieren kannst
"Ins Netz gehen" hat Tipps, die beim Gegensteuern helfen. Leg vor dem Spielen fest, wie viele Matches oder Level du spielst. Sag deinen Mitspielenden vorher, bis wann du dabei bist, dann entsteht kein Druck. Nach einer Niederlage kannst du ein anderes Mal weitermachen, wenn du ausgeruht und weniger frustriert bist. Spiele, in denen du echtes Geld ausgeben sollst, meidest du besser, und Zusatzinhalte kosten oft viel Geld und verlängern die Spielzeit [4]. Vor einem Kauf hilft der Hinweis "enthält In-Game-Käufe". Frag deine Eltern, bevor du Geld ausgibst, und gib dem Impuls, ein bestimmtes Item sofort haben zu wollen, nicht gleich nach [5].

Wie viel Bildschirmzeit Fachleute in Deutschland für Jugendliche insgesamt empfehlen, steht im Ratgeber Bildschirmzeit für Jugendliche. Geht es dir eher um Handy, Serien und Videos im Alltag, passt der Medienkonsum-Check. Klappen deine Vorsätze auch nach ernsthaften Versuchen immer wieder nicht, entspricht das dem Merkmal Kontrollverlust, das auch bei der Computerspielstörung eine Rolle spielt. Eine Diagnose ist das nicht, aber ein guter Grund, dir Unterstützung zu holen.
Wie eine Behandlung aussieht
Eine Computerspielstörung lässt sich behandeln. Die deutsche Leitlinie empfiehlt für Kinder und Jugendliche, dass die Behandlung verhaltenstherapeutische Bausteine enthalten soll, die auf die Störung zugeschnitten sind. Dazu gehören auch Informationen über die Störung selbst, Fachleute sprechen von Psychoedukation. Die Eltern und andere Angehörige sollten mit einbezogen werden. Begleiterkrankungen sollen nach den jeweiligen Leitlinien mitbehandelt werden [2].
Die Forschung dazu ist noch überschaubar. Für die verhaltenstherapeutische Behandlung von Jugendlichen gibt es bisher drei Studien, in denen die Teilnehmenden per Zufall auf Gruppen verteilt wurden, mit guten Ergebnissen, etwa weniger Spielzeit und weniger Symptome [2]. Bei einer Familientherapie war die kürzere Spielzeit nach sechs Monaten noch da, nach zwölf Monaten nicht mehr [2].
Wo du Hilfe bekommst
Ein guter erster Schritt ist ein Gespräch mit einer Person, der du vertraust, etwa deinen Eltern, einer Lehrkraft oder der Schulsozialarbeit. Wenn du lieber schreibst, beraten dich Fachleute bei JugendNotmail online, rund um die Uhr und kostenlos. Zu Sucht gibt es außerdem die Sucht & Drogen Hotline, täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 (ein Anruf kostet 0,20 Euro). Auch deine Kinder- und Jugendarztpraxis ist eine gute Anlaufstelle.
Die Nummer gegen Kummer erreichst du unter 116 111, Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr. Alle Nummern stehen auf der Seite Hilfe finden. Du kannst dich auch ohne deine Eltern beraten lassen: Kinder und Jugendliche haben nach dem Sozialgesetzbuch Anspruch auf Beratung ohne Wissen der Eltern, solange eine Mitteilung an die Eltern den Zweck der Beratung vereiteln würde [11]. Für Erwachsene und für alle Bildschirmmedien zusammen gibt es den Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de.
- Behörde Frequently asked questions: Gaming disorder. Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen, S1-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 076-011 (gültig bis 19.11.2029). Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). Stand 20.11.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Wie viel Gaming ist gesund? Anzeichen einer Sucht. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Welche Elemente zum Dauerzocken verleiten. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Lootboxen und Glücksspiel-Elemente in Videospielen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Studie DAK-Suchtstudie: Millionen Kinder haben Probleme durch Medienkonsum (Längsschnittstudie mit dem UKE). DAK-Gesundheit. Stand 12.03.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Teens, screens and mental health (HBSC-Studie 2021/2022). WHO-Regionalbüro für Europa. Stand 25.09.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Problematische digitale Mediennutzung und Gesundheitskompetenz bei Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Ergebnisse der HBSC-Studie 2022. Bundesgesundheitsblatt 68(3), S. 302 bis 312. Dadaczynski K, Kaman A, Ravens-Sieberer U u. a.. Stand 18.02.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Online-Beratung für Jugendliche. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Fachgesellschaft Suchthilfeverzeichnis. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII), § 8 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Absatz 3. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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