Ratgeber

Mit Eltern reden: Wie du Probleme ansprichst und was bei Streit hilft

Um mit deinen Eltern über ein Problem zu reden, hilft es, vorher zu überlegen, was du von ihnen brauchst, etwa Zuhören, Rat oder eine Erlaubnis, und einen ruhigen Moment zu wählen. Sprich von deinen eigenen Gefühlen, hör zu und bleib möglichst ruhig, auch wenn ihr verschiedener Meinung seid. Klappt das Gespräch nicht, kannst du dir Unterstützung bei anderen Erwachsenen, bei einer Familienberatung oder anonym bei der Nummer gegen Kummer unter 116 111 holen.

Du willst mit deinen Eltern über etwas reden, das dich beschäftigt, und weißt nicht, wie du anfangen sollst? Vielleicht geht es um schlechte Noten, um Ärger mit Freunden, um Regeln zu Hause oder darum, dass es dir schon länger nicht gut geht. Mit Eltern reden fällt vielen in der Pubertät schwerer als früher, obwohl sich das Verhältnis Jugendlicher zu ihren Eltern in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Hier liest du, was Fachleute für solche Gespräche raten, wie du mit Streit umgehst und wer dir hilft, wenn es zu Hause gerade nicht geht.

Warum Gespräche mit den Eltern in der Pubertät schwieriger werden

In der Jugend willst du mehr selbst entscheiden, und deine Eltern müssen sich daran erst gewöhnen. Das Bürgerliche Gesetzbuch beschreibt genau diesen Wandel: Eltern sollen bei der Erziehung berücksichtigen, dass ihr Kind mit wachsendem Alter immer besser selbstständig und verantwortungsbewusst handeln kann und das auch will. Sie besprechen mit ihm Fragen der elterlichen Sorge, soweit es nach seinem Entwicklungsstand angezeigt ist, und streben Einvernehmen an [4].

Streit gehört in dieser Zeit dazu. Eine Auswertung vieler Studien von Brett Laursen und Kollegen hat untersucht, wie sich Konflikte zwischen Eltern und Kindern in der Jugend verändern. Wie oft gestritten wird, nimmt im Lauf der Jugend eher ab. Die Gefühle bei einem Streit werden aber von der frühen zur mittleren Jugend heftiger [2]. Wenn ihr also seltener streitet, euch ein Streit aber stärker mitnimmt, ist das für dein Alter nicht ungewöhnlich.

Wie häufig das Thema ist, zeigt die Statistik der Nummer gegen Kummer. 2024 ging es am Kinder- und Jugendtelefon in 18.309 von 82.963 Beratungen um Probleme in der Familie, das war nach seelischen Belastungen der zweithäufigste Bereich. In gut der Hälfte dieser Gespräche (50,8 Prozent) drehte es sich um die Beziehung zwischen Kind und Eltern, in 21,3 Prozent um Verbote, Regeln und Meinungen [1].

Trotz allem Streit verstehen sich viele Jugendliche heute gut mit ihren Eltern. In der Shell Jugendstudie 2024 sagten 78 Prozent der Befragten, dass sie ihre Eltern als Vorbild für die Erziehung sehen. 1985 waren es unter den 15- bis 24-Jährigen im Westen Deutschlands erst 53 Prozent. Die Forschenden vermuten, dass dazu ein Erziehungsstil beigetragen hat, der mehr auf Selbstständigkeit als auf Autorität setzt [3].

Warum es sich lohnt, deine Eltern einzuweihen

Was Eltern über das Leben ihrer Kinder wissen, erfahren sie vor allem von den Kindern selbst. Das zeigte eine schwedische Studie mit 703 Vierzehnjährigen und ihren Eltern: Das Wissen der Eltern kam hauptsächlich daher, dass die Jugendlichen von sich aus erzählten, weniger aus Kontrolle [7]. Deine Eltern können dir leichter helfen, wenn sie wissen, was los ist.

Eltern haben außerdem Wege, die dir allein schwerer offenstehen. Sie können mit dir zur Kinder- und Jugendarztpraxis gehen, die die Familie meist gut kennt und bei Bedarf weiter überweist [12]. Auch die Beraterinnen und Berater der Nummer gegen Kummer empfahlen 2024 in 45,8 Prozent der Gespräche, das Thema zusätzlich mit vertrauten Menschen zu besprechen, zum Beispiel mit der Familie [1]. Wenn es um seelische Probleme geht, finden deine Eltern beim Elternratgeber Psychotherapie der Bundespsychotherapeutenkammer Hinweise, wie sie Veränderungen bei dir einordnen und wann fachliche Hilfe sinnvoll ist [12]. Du musst also nicht alles allein erklären können.

Das Gespräch vorbereiten

Das Gesundheitsangebot TeensHealth der US-amerikanischen Kinderklinik-Stiftung Nemours gibt Jugendlichen einige Hinweise für Gespräche mit Eltern [5]. Der wichtigste: Überleg vorher, was du eigentlich brauchst. Willst du, dass deine Eltern nur zuhören? Brauchst du einen Rat, eine Erlaubnis oder konkrete Hilfe? Das kannst du am Anfang direkt sagen, zum Beispiel: "Ich brauche deinen Rat zu etwas. Können wir reden?" [5]

Sag auch, wie du dich fühlst, selbst wenn dir das peinlich ist. Sorgen, Angst, Scham oder ein schlechtes Gewissen gehören zum Gespräch dazu und helfen deinen Eltern zu verstehen, worum es dir geht [5]. Wenn du sehr nervös bist, kannst du üben, vor dem Spiegel oder mit einer Freundin oder einem Freund. Das gibt Sicherheit [5].

Leichter wird ein ernstes Gespräch, wenn ihr auch sonst miteinander redet. TeensHealth rät, jeden Tag kurz über etwas Alltägliches zu sprechen, etwa über ein Schulprojekt oder das Abendessen. Wenn das Verhältnis gerade angespannt ist, kannst du klein anfangen, zum Beispiel mit einem lustigen Film, den ihr zusammen anschaut, oder einer kleinen Geschichte aus deinem Alltag. Für so einen Anfang ist es laut TeensHealth nie zu spät [5].

Den richtigen Moment finden

Wenn dein Vater gerade gestresst aus der Arbeit kommt oder deine Mutter ins Telefon vertieft ist, wird es schwer. Frag deshalb am besten zuerst: "Passt es gerade?" Such dir dann einen ruhigen Ort, an dem euch niemand stört [5]. Gemeinsame Dinge, die euch beiden Spaß machen, etwa ein Spaziergang, Kochen oder Musik machen, geben dir eine Gelegenheit für ein lockeres Gespräch [5].

Junge Frau um die achtzehn geht im Herbst mit ihrem Vater einen Waldweg entlang und redet mit ihm
Bild: KI-generiert

Die Tabelle fasst zusammen, was in typischen Situationen helfen kann.

SituationWas helfen kannBeleg
Du weißt nicht, wie du anfangen sollstVorher klären, was du brauchst (Zuhören, Rat, Erlaubnis, Hilfe), und das gleich zu Beginn sagen[5]
Du bist sehr nervösDas Gespräch vorher vor dem Spiegel oder mit einer Freundin üben[5]
Es gibt nie einen guten MomentFragen, ob es gerade passt; einen ruhigen Ort suchen; beim gemeinsamen Spaziergang oder Kochen reden[5]
Ihr seid verschiedener MeinungIch-Botschaften statt Du-Vorwürfe, zuhören und die Punkte der anderen Seite wiederholen[6]
Es wird lautRuhig bleiben, ohne Schreien, Sarkasmus oder abwertende Sprüche[6]
Mit den Eltern geht es gerade gar nichtUnterstützung bei anderen Erwachsenen suchen, etwa bei einer Lehrkraft, einem Trainer oder einer Mentorin[5]

Wenn ihr verschiedener Meinung seid

Um Ausgehzeiten, Handyregeln oder Noten wird in vielen Familien gestritten. TeensHealth nennt fünf Punkte, mit denen du widersprechen kannst, ohne dass es eskaliert [6]. Wenn du dich über eine Idee deiner Eltern ärgerst, ärgerst du dich über die Idee und nicht über sie als Person. Das hilft dir, es nicht persönlich zu nehmen. Werte die Meinung der anderen nicht ab, sag lieber: "Ich sehe das anders, und zwar weil ..." Sprich in Ich-Botschaften, also von deinen Gefühlen und Wünschen. Sätze mit "Du machst immer ..." klingen schnell nach Angriff [6].

Junger Mann um die achtzehn sitzt mit seiner Mutter bei Tee am Küchentisch, beide reden ruhig
Bild: KI-generiert

Hör deinen Eltern zu und wiederhol, was dir an ihren Argumenten wichtig erscheint. Danach legst du ruhig deine Sicht dar. Ruhig zu bleiben, nennt TeensHealth das Wichtigste, damit ein Gespräch nicht entgleist [6]. Wenn du merkst, dass du gleich explodierst, darfst du um eine Pause bitten und später weiterreden. Wie gut dir das im Moment gelingt, kannst du mit dem Emotionsregulation-Test einschätzen.

Ein gemeinsamer Weg ist auch im Sinn des Gesetzes: Eltern sollen sich nach § 1626 BGB mit ihrem Kind um Einvernehmen bemühen [4]. Recht bekommst du dadurch nicht automatisch, deine Sicht gehört aber in die Entscheidung hinein.

Wenn ein Gespräch nicht klappt

Nicht jedes Gespräch gelingt beim ersten Mal. Manchmal reagieren Eltern erschrocken, besorgt oder wütend, gerade wenn sie mit dem Thema nicht gerechnet haben. Gib ihnen Zeit und versuch es später noch einmal.

Wenn du mit deinen Eltern gerade nicht reden kannst, such dir Unterstützung bei anderen Erwachsenen in deinem Leben. TeensHealth nennt dafür zum Beispiel Lehrkräfte, Trainerinnen und Trainer oder Mentoren [5]. Anonym und kostenlos reden kannst du mit der Nummer gegen Kummer unter 116 111, Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr. Dort hört dir jemand zu, und ihr überlegt gemeinsam, was dir in deiner Situation hilft [8].

Auch deine Eltern können sich Rat holen. Die Nummer gegen Kummer hat für sie ein eigenes Elterntelefon unter 0800 111 0 550, die bke bietet eine Online-Beratung für Eltern [13]. Erziehungs- und Familienberatungsstellen beraten kostenfrei und streng vertraulich, und dorthin können sich Kinder und Jugendliche sowie Eltern wenden [11]. Wenn deine Eltern selbst nach Tipps suchen, kannst du ihnen den Ratgeber Pubertät: Wie Eltern in Kontakt bleiben zeigen.

Wenn Reden zu Hause nicht sicher ist

Manche Probleme lassen sich durch Reden nicht lösen. Wenn du zu Hause geschlagen, bedroht oder ständig erniedrigt wirst, ist das nicht in Ordnung: Jedes Kind hat in Deutschland ein Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt [9]. Dann musst du nicht zuerst mit deinen Eltern reden. Nach § 8 SGB VIII darfst du dich selbst an das Jugendamt wenden. In der Kinder- und Jugendhilfe darfst du dich außerdem ohne Kenntnis deiner Eltern beraten lassen, solange eine Mitteilung an sie den Zweck der Beratung vereiteln würde [10]. Welche Stellen es dafür gibt und was vertraulich bleibt, steht im Ratgeber Hilfe ohne Eltern.

Alle Telefonnummern und Chats findest du auf der Seite Hilfe finden. Wenn du vorher für dich herausfinden willst, wie es dir geht, hilft der Stimmungs-Check für Teens.

  1. Organisation Statistik 2024 Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand 03/2025. abgerufen am 28.10.2026
  2. Studie Reconsidering changes in parent-child conflict across adolescence: a meta-analysis. Child Development 69(3), S. 817 bis 832. Laursen B, Coy KC, Collins WA. Stand 1998. abgerufen am 28.10.2026
  3. Studie Jugend 2024. 19. Shell Jugendstudie: Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt, Zusammenfassung (2.509 Befragte von 12 bis 25 Jahren). Shell Deutschland (Hrsg.). Stand 2024. abgerufen am 28.10.2026
  4. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 1626 Elterliche Sorge, Grundsätze. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  5. Organisation Talking to Your Parents or Other Adults (TeensHealth, medizinisch geprüft von Margaux J. Barnes). The Nemours Foundation, KidsHealth. Stand 10/2021. abgerufen am 28.10.2026
  6. Organisation 5 Ways to (Respectfully) Disagree (TeensHealth). The Nemours Foundation, KidsHealth. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  7. Studie Parental monitoring: a reinterpretation. Child Development 71(4), S. 1072 bis 1085. Stattin H, Kerr M. Stand 2000. abgerufen am 28.10.2026
  8. Organisation Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  9. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  10. Gesetz Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII), § 8 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  11. Behörde Ehe- und Familienberatung. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, familienportal.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  12. Behörde Jugend: Psychische Beschwerden erkennen. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 23.04.2026. abgerufen am 28.10.2026
  13. Behörde Soforthilfe (Wege im Gesundheitswesen: Jugend, psychische Gesundheit). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 23.04.2026. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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