Ratgeber
Angst bei Jugendlichen: Wann Angst normal ist und wann sie zu viel wird
Angst gehört bei Jugendlichen dazu und schützt in gefährlichen Momenten. Zu viel wird sie, wenn sie sehr stark ist, über Monate bleibt und dich im Alltag einschränkt, etwa weil du die Schule oder Treffen meidest. Angststörungen sind in diesem Alter häufig. Eine frühe Behandlung verbessert die Aussichten, und die Behandlung der ersten Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie.
Angst kennt jeder. Bei Jugendlichen kommt sie in vielen Formen vor: vor einem Referat, vor neuen Leuten, vor der Zukunft oder als plötzliches Herzrasen, das scheinbar aus dem Nichts kommt. Meistens geht sie wieder vorbei. Manchmal wird sie aber so stark, dass sie bestimmt, was du dich traust und was nicht. Auf dieser Seite erfährst du, wann Angst bei Jugendlichen normal ist, woran du eine Angststörung erkennen kannst und was dagegen hilft. Wie viel Raum Angst gerade in deinem Leben einnimmt, kannst du mit dem Angst-Selbsttest für Jugendliche einschätzen.
Wozu Angst gut ist
Angst ist eine Schutzreaktion. Das Gesundheitsportal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) schreibt, dass Angst den Körper darauf vorbereitet, schnell auf Gefahr zu reagieren. Sie kann auch davor schützen, unvorsichtig zu handeln [1]. Wenn du vor einer Prüfung nervös bist, lernst du vielleicht gründlicher. Wenn ein Auto zu schnell um die Ecke kommt, springst du zur Seite, bevor du nachdenkst.
Diese Alarmreaktion spürst du im Körper. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigt sich, dir wird schwindelig, du schwitzt, zitterst oder spannst die Muskeln an, und der Magen fühlt sich flau an [1]. Zum Problem wird es, wenn die Sorgen überhandnehmen und nicht mehr weggehen [1].
Normale Angst oder Angststörung?
Ängste gehören zum Aufwachsen dazu. Laut dem Portal "Neurologen und Psychiater im Netz", an dem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) mitwirkt, machen die meisten Kinder ängstliche Phasen durch. Diese Ängste sind meist mild, vorübergehend und passen zum Alter [2]. Kleine Kinder fürchten sich im Dunkeln, ältere vor einem Vortrag vor der Klasse. Das MSD Manual nennt solche Ängste normal [3].

Zu einer Angststörung wird Angst, wenn sie besonders stark ist, mehrere Monate anhält und die normale Entwicklung behindert [2]. Das MSD Manual beschreibt es so: Die Angst beeinträchtigt den Alltag erheblich und steht nicht im Verhältnis zu dem, was gerade passiert [3]. Ein paar Fragen helfen dir beim Einordnen. Lässt du Dinge weg, die dir eigentlich wichtig sind, weil du Angst davor hast? Denkst du an viele Tage fast nur noch an deine Sorgen? Fehlst du deswegen in der Schule? Je öfter du mit Ja antwortest, desto eher lohnt sich ein Gespräch mit einer Fachperson.
Welche Formen von Angst es gibt
Angststörungen sind nicht alle gleich. Das MSD Manual nennt bei Kindern und Jugendlichen unter anderem die generalisierte Angststörung, die soziale Angststörung, die Panikstörung, die Agoraphobie und die Trennungsangst [3]. Die Tabelle zeigt, wie sich die häufigsten Formen anfühlen können.
| Form | Wie sie sich zeigen kann | Beleg |
|---|---|---|
| Generalisierte Angststörung | Fast ständige Angst, die sich kaum stoppen lässt und nicht an einen bestimmten Auslöser gebunden ist | [1] |
| Soziale Phobie | Starke Angst, im Mittelpunkt zu stehen, kritisiert zu werden oder sich zu blamieren; solche Situationen werden gemieden; dazu Erröten, Zittern, Schwitzen | [4] |
| Panikattacken und Panikstörung | Plötzliche heftige Angst mit Atemnot, Schwindel, Engegefühl in der Brust, Herzrasen und Schwitzen; eine Attacke dauert meist 10 bis 20 Minuten | [5] |
| Spezifische Phobie | Übertriebene Angst vor bestimmten Situationen, Dingen oder Tieren, etwa Höhe, Blut oder Spinnen; der Auslöser wird gemieden | [6] |
| Trennungsangst | Oft verbunden damit, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen wollen | [3] |
Eine Panikattacke wird oft mit einem Herzinfarkt verwechselt [5]. Wie du in so einem Moment ruhiger werden kannst, beschreibt der Ratgeber Panikattacke: Was hilft im Moment? auf check-dich-selbst.de.
Wie Angst sich im Körper und im Alltag zeigt
Nicht jeder kann seine Angst in Worte fassen. Laut MSD Manual sprechen manche Kinder und Jugendliche ihre Ängste direkt aus. Die meisten berichten aber über körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafprobleme. Diese Beschwerden sind oft echt und nicht ausgedacht [3]. Wenn dir also vor bestimmten Tagen regelmäßig schlecht wird, kann Angst dahinterstecken.
Ein deutliches Zeichen ist, wenn jemand nicht mehr zur Schule gehen will oder kann. Das MSD Manual beschreibt diese Schulverweigerung bei vielen Kindern mit Angststörungen. Dahinter kann Trennungsangst, soziale Angst, eine Panikstörung oder eine Mischung davon stehen [3]. Wenn deine Angst vor allem mit Klassenarbeiten zu tun hat, findest du im Ratgeber Prüfungsangst passende Hinweise.
Wie häufig Angst bei Jugendlichen ist
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. In der BELLA-Studie des Robert Koch-Instituts zeigten etwa 10 von 100 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren in Deutschland Ängste, die mit einem Fragebogen erfasst wurden [2, 12]. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt weltweit, dass 4,1 Prozent der 10- bis 14-Jährigen und 5,3 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine Angststörung haben. Damit sind Angststörungen in dieser Altersgruppe die häufigsten psychischen Erkrankungen [7]. Laut MSD Manual sind im Jugendalter Mädchen etwa doppelt so oft betroffen wie Jungen [3].
In den letzten Jahren ist die Zahl gestiegen. In der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hatten in der achten Befragungsrunde 31 Prozent der Mädchen und jungen Frauen ab 14 Jahren Angstbeschwerden, vorher waren es 20 Prozent. Viele junge Menschen machen sich Sorgen um die Zukunft: 70 Prozent nannten Kriege, 62 Prozent Terrorismus und 49 Prozent die Klimakrise. Wer solche Zukunftsängste hat, hat ein 3,4-fach höheres Risiko für psychische Probleme. Die Studie zeigt aber auch, dass viele Jugendliche gute Wege finden, mit Belastungen umzugehen. Das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, stabile Verhältnisse und eine unterstützende Familie gehen mit einer stabileren seelischen Gesundheit einher [8].
Warum Vermeiden die Angst größer macht
Wenn etwas Angst macht, liegt es nahe, es zu umgehen. Du meldest dich nicht im Unterricht, sagst die Party ab oder fährst nicht mit dem vollen Bus. Kurzfristig fühlt sich das besser an. Das Portal "Neurologen und Psychiater im Netz" erklärt, dass Vermeiden die Angst nur kurz lindert und die Störung auf Dauer aufrechterhält [9]. Du lernst nämlich nie, dass die befürchtete Katastrophe gar nicht eintritt.
Genau hier setzt die Behandlung an. In der sogenannten Exposition stellen sich Betroffene gemeinsam mit ihrer Therapeutin oder ihrem Therapeuten den gefürchteten Situationen, Schritt für Schritt stärker. Die Angst steigt dabei zuerst an und lässt dann nach. So machen sie die Erfahrung, dass das Befürchtete nicht passiert [9]. Bei Jugendlichen beginnt man dabei oft schon mit Situationen, die stark Angst machen [9].
Was dir im Alltag helfen kann
Für den Umgang mit Anspannung nennt das IQWiG Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und Atemübungen [1]. Solche Verfahren kannst du lernen, zum Beispiel in einem Kurs, mit Anleitungen oder mit Unterstützung in einer Beratung. Auch Wissen über die eigene Angst und der Austausch in Selbsthilfegruppen können helfen [1]. Wenn du weißt, dass Herzklopfen und Schwindel zur Alarmreaktion des Körpers gehören, kannst du sie besser einordnen.

Die WHO nennt für Jugendliche allgemein, was die seelische Gesundheit schützt: regelmäßiger Schlaf und Bewegung, die Fähigkeit, mit Problemen umzugehen und Gefühle zu steuern, und ein unterstützendes Umfeld in Familie, Schule und Freundeskreis [7]. Im MSD Manual werden Schlafprobleme und sehr viel Bildschirmzeit unter den Merkmalen genannt, die während der Pandemie mit mehr Angst bei jungen Menschen einhergingen [3]. Ein fester Schlafrhythmus und Pausen vom Handy können deshalb einen Versuch wert sein.
Es hilft auch, mit jemandem darüber zu reden. Eine Freundin, ein Elternteil, eine Lehrkraft oder die Schulsozialarbeit können ein erster Schritt sein. Anonym und kostenlos geht das bei der Nummer gegen Kummer unter 116 111, Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr [13].
Wie eine Behandlung aussieht
Angststörungen bei Jugendlichen lassen sich behandeln, und eine frühe Behandlung verbessert die Aussichten auf Besserung [9]. Die Behandlung der ersten Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie. Dazu gehört, dass du und deine Familie mehr über Angst erfahren, dass du deine ängstlichen Gedanken erkennst und prüfst, wie realistisch sie sind, und dass du nach und nach weniger vermeidest [9]. Das MSD Manual beschreibt die kognitive Verhaltenstherapie als kurze, strukturierte Gesprächstherapie [3].

Oft werden die Eltern einbezogen. Sie lernen zum Beispiel, wie sie ängstliches Verhalten ungewollt verstärken können und wie sie anders reagieren [9]. Medikamente kommen laut "Neurologen und Psychiater im Netz" bei Kindern und Jugendlichen erst in Frage, wenn die Verhaltenstherapie nicht hilft, und dann möglichst nur für kurze Zeit [9]. Das entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt mit dir und deinen Eltern.
Wie du an einen Termin kommst: Ein guter erster Schritt ist die Kinder- und Jugendarztpraxis oder die Hausarztpraxis. Du kannst dich auch direkt an eine kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxis wenden. Wenn es dir akut sehr schlecht geht, können Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten eine Akutbehandlung anbieten, und der Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hilft, schnell einen Platz zu finden [10].
Wann du dir Hilfe holen solltest
Hol dir Unterstützung, wenn deine Angst seit Monaten anhält, wenn du deshalb Dinge meidest, die dir wichtig sind, wenn du in der Schule fehlst oder wenn dich Panikattacken immer wieder überfallen. Du musst nicht warten, bis es unerträglich ist. Laut MSD Manual setzt sich die Angststörung bei vielen Kindern bis ins Erwachsenenalter fort, und eine frühe Behandlung hilft vielen, ihre Angst besser zu kontrollieren [3].
Wenn du zuerst nicht mit deinen Eltern sprechen willst, ist das in Ordnung. Nach § 8 Absatz 3 des Achten Sozialgesetzbuchs haben Kinder und Jugendliche Anspruch auf Beratung ohne Wissen ihrer Eltern, solange eine Mitteilung an die Eltern den Zweck der Beratung vereiteln würde [11]. Das gilt für die Beratung in der Kinder- und Jugendhilfe. Mehr dazu steht im Ratgeber Hilfe holen ohne die Eltern.
Weitere Angebote zum Reden und Schreiben, auch außerhalb der Sprechzeiten, findest du auf unserer Seite Hilfe finden.
- Behörde Generalisierte Angststörung. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 27.03.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Übersicht zu Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (MSD Manual, Ausgabe für Patienten). Elia J, MSD Manuals. Stand Überprüfung 10/2025, geändert 01/2026. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde ICD-Code F40.1: Soziale Phobien. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Panikstörung (Glossar). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Phobie (Glossar). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Mental health of adolescents, Fact sheet. Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 01.09.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Zukunftsängste belasten Kinder und Jugendliche, aber sie verfügen über gute mentale Ressourcen (COPSY-Studie, 8. Befragungswelle). Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), über idw. Stand 04.12.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen: Therapie. Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Soforthilfe (Wege im Gesundheitswesen: Jugend, psychische Gesundheit). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 23.04.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII), § 8 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisse aus der BELLA-Studie im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt 50(5/6), S. 871 bis 878. Ravens-Sieberer U, Wille N, Bettge S, Erhart M (Robert Koch-Institut). Stand 2007. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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